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07/03/1999 18:08 Alter: 15 yrs

Claus Cito, der Bildhauer aus Bascharage (1882-1965)

Rubrik: 60/1999 - Gëlle Fra 60/1999 - Gëlle Fra

Claus Cito, der Bildhauer aus Bascharage (1882 - 1965) Claus Cito, kurz vor der Einweihung der ?Gëlle Fra" am 27. Mai 1923 icolas Joseph Cito entstammte einer altein- gesessenen Schmiedefamilie aus Käerjheng, die ihre Wurzeln im fernen Italien hatte. Den Künstlernamen Claus brachte er aus Düsseldorf mit; für die Einheimischen ist er stets Josy Cito geblieben. Das Lateinstudium im nahen Anon behagte ihm nicht, und da er viel Spaß am Zeichnen hatte, besuchte Josy zusätzlich den Abendunter-richt in der städtischen Kunstakademie. Nach dem Tode des Vaters beendete er im Sommer 1899 sein Arloner Studium und trat in die Dienste eines Malers, der auch Kirchenwände dekorierte. Die Mutter war gestorben, ehe er drei Jahre alt war, und Frau Marguerite Ast aus Dalheim sollte den beiden Kindern Marie und Josy eine liebevolle Fürsorgerin werden. Sie war es auch, die die künstlerischen Neigungen des Sohnes erkannte und förderte und ihn trotz der schmalen Einkünfte ihrer kleinen Gastwirtschaft jahrelang unterstützte. Düsseldorf Mitte August 1900 ging Josy zu einem Kirchenmaler nach Düsseldorf in die Lehre und besuchte die Abendklassen der Dekorationsma- lerei in der Kunstgewerbeschule. Peter Behrens (1868-1940), Maler, Kunstgewerbler, Architekt und Industriedesigner, der neue Direktor der Schule, wurde ihm zum väterlichen Berater. Im Herbst 1903 begann Cito sein Studium an der Königlichen Kunstakademie und besuchte nebenbei die abendliche Architekturklasse von Behrens. Er lernte Wilhelm Lehmbruck (1881- 1919), den Meisterschüler von Karl Janssen kennen. Claus wurde ihm als Gehilfe zugeteilt und erlernte auf kameradschaftlicher Ebene die Grundlagen des Handwerks, u. a. das Verar-beiten des Euville-Steines aus Lothringen, den er in Luxemburg einführte. Cito würde sich später viel für die Werke dieses großen Bildhauers inter- essieren, der von 1910-1914 in Paris lebte, dort mit der modernen Plastik in Berührung kam und 1919 in Berlin freiwillig aus dem Leben schied. ?Die Kniende", die der Bascharager 1940-41 schuf, ist zum Gedenken an den einstigen Lehr- kameraden entstanden. August Macke (1887-1914) Im Winter 1904/05 machte Claus die Bekanntschaft von August Macke in der Akademie. Der zukünftige Kunstmaler war von den starren Lehrmethoden zutiefst enttäuscht und freundete sich mit dem humoryollen_Luxem- burger an, der in dem verstaubten Institut auch nicht heimisch wurde. Als der Bonner ebenfalls an einem Abendunterricht der Kunstgewerbe- schule teilnahm, wurde ihre Freundschaft immer enger. Anfang 1905 brachte Behrens Cito mit der Direktion des neu zu eröffnenden Schauspiel- hauses in Kontakt. Der Bascharager entwarf Bühnenbilder für die erste Saison, und als man seine Interpretation zu ?Elektra" von Hugo von Hofmannsthal 1906 auf der Bühne realisierte,wurde er künstlerischer Beirat am Schauspielhaus Düsseldorf. Die Titelseiten und das Innere des ersten Jahresberichtes durfte er gestalten. Als August Macke sich überdies in neuartige Entwürfe stürzte, zog Claus im Februar 1906 zu ihm, da der Freund jenseits des Rheines Ober eine größere Wohnung mit Atelier verfügte. Gemein-sames Wohnen und Essen, dazu auf dem Lande, verringerte auch ihre finanziellen Probleme. Louise Dumont, die gefeierte Diva und ihr Mann, Regisseur Gustav Lindemann, die auch in Ober- kassel wohnten, luden sie oft zum Essen ein, um die nächsten Inszenierungen mit den beiden Kunstjüngern zu besprechen. Das dreidimensio- nale Rittersaalmodell zu ?Macbeth" von Shake-speare, das Cito für die Saison 1906/07 anfer-tigte, steht heute im Theatermuseum Köln-Wahn. Als Behrens den Architekturunterricht der Abendklasse abgab, belegte Cito einen andern Fachkursus. Dem Bildhauer und Médailleur Rudolf Bosselt, der einst an der ?Académie Julian" in Paris gearbeitet hatte, sollte der Luxemburger viel von seinem späteren Können verdanken. ? Macke verließ nach bloß zwei- jähriger Studienzeit die Akademie, um sich den Bühnenbildern besser widmen zu können. Ende August 1908 verbrachte Macke eine Woche in Bascharage, wo Cito seit einigen Monaten als freier Künstler lebte. Bei diesem Besuch modellierte Cito die Porträtbüste des Freundes, die leider schon lange verschollen ist. Frühere Pläne einer gemeinsamen Zukunft in Paris oder in München blieben ohne Folgen. August Macke ließ sich Ende 1909 mit seiner jungen Frau Elisabeth am Tegernsee nieder; Josy Cito aber begab sich zur selben Zeit nach Brüssel, wo er zwölf Jahre verbringen sollte. Brüssel Daß er Brüssel zum weiteren Studien- und Arbeitsort wählte, hatte verschiedene Gründe. Cito war ein Bewunderer von Constantin Meunier, der erst 1905 in Ixelles gestorben war. Er hoffte, bei einem seiner Schüler zu arbeiten und wollte nebenbei die Kunstakademie besu-chen. Sein Vetter und Pate Nicolas Cito (1866- August und Elisabeth Macke ? Claus Cito, porträtiert von August Macke 1949) ? ihre Väter waren bereits Vettern gewesen ?, der in Belgisch-Kongo, China und Chile Eisenbahnen gebaut hatte, riet ihm auch zu dieser Lösung. Cito stellte 1910 im Rahmen der Weltaus- stellung in einer belgischen Künstlergruppe aus und erhielt einen ersten Preis. Seine Werke im Salon 1911 des Luxemburger Kunstvereins wurden von Franz Clement im Escher Tageblatt lobend erwähnt. Neben anderen Marmorbüsten schuf er damals diejenige von General Albert Thys (1849-1915), dem Organisator von Belgisch-Kongo, unter dessen Leitung Cousin Nicolas Cito eine wichtige Funktion beim Bau der ersten Eisenbahn ausübte. Zur selben Zeit erhielt Claus einen öffentlichen Auftrag. Als das Monu-ment zu Ehren von Ernest-François Cambier fertiggestellt war, brach der Weltkrieg aus, und Belgien wurde von deutschen Truppen besetzt. Dank seiner guten Deutschkenntnisse war Cito, der jetzt von Grabskulpturen lebte, mit einer Resistenzorganisation in Verbindung, für die er nachts Briefe oder verschlüsselte münd- liche Nachrichten über Land trug. Er kehrte auf Schleichwegen nach Bascharage zurück, um nach der Mutter zu sehen, die ihm dann eines Tages den Tod von August Macke mitteilte. Der Freund war bereits im September 1914 in der Champagne gefallen. Im Dezember 1916 tauchte Claus für kurze Zeit in Düsseldorf auf. Kam er im Auftrag seiner Geheimorganisation ins Ruhrgebiet oder wollte er nur frühere Bekannten wiedersehen? ? Damals lernte er Nico Klopp und Joseph Sünnen kennen, die an der Akademie, bzw. an der Kunstgewerbeschule studierten. In Brüssel wurde 1919 Citos Denkmal zu Ehren von Major E.-F. Cambier mit fünf Jahren Verspätung in Schaerbeek, am Rande des Parc Josaphat, eingeweiht. Es steht noch immer am Ende der heutigen Avenue Général Eisenhower. 23In Watermael erreichte ihn die Kunde des Wettbewerbs zur Errichtung eines Monument du Souvenir für jene Luxemburger, die 1914-1918 ihr Leben in den Armeen der Entente geopfert hatten. Der am 14. Februar 1920 in Luxemburg ausgeschriebene Concours sollte sein zukünf- tiges Leben in ungeahnte Bahnen lenken. D'Gëlle Fra Am 2. April 1921 wurde Claus Citos Projekt ?A nos Braves" als bestes des Wettbewerbs proklamiert. Sein Entwurf entsprach sämtlichen Auflagen, und der erzählerische Aufbau mit den drei überlebensgroßen Figuren würde für jeder-mann verständlich sein. Der Obelisk, der auf Wunsch der ausländischen Jury viel höher sein durfte, sollte an jene Luxemburger erinnern, die sich freiwillig für die Befreiung ihrer neutralen Heimat eingesetzt hatten. Die Statue, die das Ganze krönte, nannte sich ?Frieden". Ihr Glanz, ihre Ausstrahlung sollten im krassen Gegensatz zu den beiden Figuren am Fuße des Obelisken stehen. Aus dunkelgrüner Bronze gegossen, Kopfmodell der ?Gëlle Fra" sollten sie Trauer, aber auch Hoffnung ausdrücken. Die Frau stemmt sich sichtlich mit allen Kräften gegen den Sturm, der über die Länder hinweg braust, der aber bereits nachzu- lassen scheint. Die Figur des Toten, ein Mahnmal für die zweitausend, die nie mehr zurück- kommen sollten, ist ergreifend in ihrer einfachen Darstellung. Die sitzende Gestalt, der abge- kämpfte Überlebende, wacht bei seinem toten Kameraden und erblickt im Westen die Strahlen der aufgehenden Friedenssonne. Sämtliche Modelle wurden im ersten Stock des Palais Municipal ausgestellt und stießen auf großes Interesse bei der Bevölkerung. Bäcker- 24 '744 imedia I meister Jos Marx, ein Jugendfreund, der gegenüber von Citos Elternhaus wohnte, hatte den Entwurf mit seinem Pferdewagen in die Hauptstadt befördert. Jetzt, auf der Rückfahrt, ließ der Künstler das Gespann unterwegs anhalten, warf kurzerhand das preisgekrönte Gipsobjekt in den Straßengraben und erklärte lachend: ?So, das Ding brauch' ich jetzt nicht mehr!" Der Bildhauer siedelte im Dezember 1921 von Watermael nach Bascharage über und begann mit den Vorarbeiten zu dem gewaltigen Unternehmen. Zuerst mußte er ein großes Atelier anbauen, um bequem an der dreieinhalb Meter hohen Frauengestalt arbeiten zu können. Die Dorfgemeinschaft nahm regen Anteil am Verlauf der Arbeiten. In mehrere Teile zerlegt, zwischen Heu und Stroh in große Kisten gebettet, wurde die Skulptur von seinem Schwager François Lentz und von Vetter Batty Cito per Pferdewagen zum Bahnhof von Nieder-kerschen gebracht, wo sie in Spezialwaggons zur Compagnie des Bronzes nach Brüssel abtrans-portiert wurden. In jener Epoche, wo bereits Nichtigkeiten einen wütenden Zeitungskrieg zu entfachen pflegten, erzeugte die Enthüllung dieses Denk- mals, am 27. Mai 1923, einen Sturm der Entrü- stung auf der einen Seite und hehre Lobgesänge auf der andern. Sprach man diesseits von einem künstlerischen, sinntiefen und beredten Werk, sah man jenseits nur die plumpe, ungeschlachte Goldfigur, die trotz wallendem Gewand ?als reinste Nudität auch eine ästhetisch-künstleri- sche Ungeheuerlichkeit darstellte". Man lotste die Insassen des bischöflichen Konviktes, deren alltäglicher Weg zum Athenäum entlang des Konstitutionsplatzes führte, längere Zeit durch die Enneschtgaasszu ihrem Ziel. Das Tagesgespräch drehte sich natürlich um das Modell der Fra, und man würde jahrelang rätseln, wer wohl den Mut oder die Unver- schämtheit hatte, diese Statue leibhaftig zu verkörpern. Cito, der Spaßvogel, lächelte verschmitzt über alle diesbezüglichen Fragen und verriet gar nichts. Die Frauenfigur des Denk- mals in Schaerbeek, das bereits 1914 entstand, ist ohne Zweifel identisch mit derjenigen des Monument du Souvenir. Ihren Kopf, den Claus in verschiedenen Bildnissen verewigte, wozu die Erstausgabe davon als Modell neben der impo-santen Tonstatue im Atelier stand, betitelte er als ?meine liebste Erinnerung an Brüssel". Großherzogin Charlotte Als die drei Statuen sich im Frühsommer ihrer Endphase näherten, wurde Cito per Tele- gramm zu einer Audienz ins Großherzogliche Palais bestellt, wo der Prinz von Luxemburg den erstaunten Künstler bat, seine Gemahlin zu porträtieren. Die Marmorbüste war ein Auftrag der Regierung und sollte den Belgisch-Luxem- burgischen Pavillon der Exposkao do Rio de Janeiro 1922/1923 zieren. Hoffotograf Aloyse Anen werde die nötigen Unterlagen dazu liefern. Der Bascharager weigerte sich entschieden, nach Fotografien zu arbeiten und ließ sich für eine Woche in Colmar-Berg nieder. Dem schönen Bildnis folgten andere; die drei ersten Büsten sind verschollen, einige Reliefs blieben erhalten. Die Marmorbüste von Großherzogin Charlotte, die der Künstler 1939 für die Jahrhundertfeiern unserer Unabhängigkeit schuf und die sich an einer heute wenig beachteten Stelle im früheren Stadthaus von Differdingen befindet, ist Citos schönstes Werk. 1939 imediaKunstschaffen in Luxemburg Der nächste Auftrag kam aus der Benedikti-nerabtei von Clerf. Der Bildhauer sollte für die Klosterkirche die Marmorstatuen von St. Bene-dikt und seiner Zwillingsschwester, der hl. Scho-lastika bilden. Hier schuf er eine bemerkens-werte, symmetrische Zweiergruppe, die rechts vom Hauptschiff in der Nische aufgestellt wurde, die Nicolas Brücher aus Elvingen bereits für die bevorstehende Konsekration, am 8. Juni 1925, ausgemalt hatte. Die Folgen des 2. Weltkriegs verschlugen die Plastik nach Belgien; sie weilt noch heute in der Verbannung, in einem Schuppen in Bastogne! Die Bronzebüste von Joseph Junck (1839- 1922) entstand wahrscheinlich erst nach dem Tode von Pierre Federspiel, im April 1924, und auch nach dessen Vorlagen. Junck, Großmeister der Luxemburger Loge, ein sehr geschätzter Philanthrop, war von 1875 bis 1911 erster Eisen- bahnvorsteher in Luxemburg gewesen, und Federspiel hatte deshalb des Freundes Kopf in die steinerne Porträtgalerie am neuen Bahnhofs- gebäude eingereiht. Cito schuf Kinder-, Frauen- und Männerbü- sten, und zwischen den Arbeiten für Ausstel- lungen und privaten oder öffentlichen Aufträgen entstanden in jenen Jahren bemerkenswerte Grabfiguren für die Friedhöfe von Differdingen, Bascharage, Hautcharage, Luxemburg, Anon... Im Winter 1929-30 arbeitete Cito am Porträt von Nikolaus Welter, das dessen Kinder ihm zum sechzigsten Geburtstag schenken wollten. Far die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten im Jahre 1939 hatte Cito dem Niederkerschener Garten- und-Heim-Verein far den Festumzug eine vier Meter lange Riesen -Porette aus Gips angefertigt Freundschaften und Sezession im Kunstverein Seit Josys Heimkehr erblühten die alten Kameradschaften in seinem Heimatort. Auf Cousin Batty, aus dem ?Fünfjunggesellenhaus", sowie auf den hilfsbereiten Cito-Clan durfte er jederzeit zählen. Im Herbst 1921 traf er Nico Klopp, der jetzt in Remich lebte, im jährlichen Salon des Cercle Artistique. Durch Jhang Noerdinger aus Nagem, der die beiden zu einer Auswanderung nach Amerika zu überreden versuchte, pflegten sie freundschaftliche Beziehungen zu der Gruppe um Joseph Kutter. Die modern orientierten ?Münchener" sollten die traditionellen Me- thoden des Kunstvereins schnell durcheinander- wirbeln. Obschon Präsident Pierre Blanc seine ehemaligen Schüler der Staatlichen Handwerker- schule hoch einschätzte und ihnen gern entge-genkam, sollte es dennoch, auch wegen gehäs- siger Kritiken in der Presse, zur Spaltung kommen. Der erste Salon de la Sécession wurde im Mai 1927 im Stadthaus am Knuedler abge- halten. Im Katalog standen die Namen von Claus Cito, Nico Klopp, Joseph Kutter, Jhemp Michels, Harry Rabinger, Jean Schaack, Jos Sünnen, Jean- Joseph Thiry und Auguste Trémont. Citos längerer Aufenthalt in Paris, wo er gelegentlich der Exposition Internationale des Arts Décoratifs 1925 im Luxemburger Pavillon, in der vielbeachteten Roseraie, ausstellte, sollte seine bildnerische Ausdrucksweise beeinflussen. Er durfte jetzt den Anschluß an die neue Zeit nicht verpassen! Kutter, der seinen Weg trotz aller Anfeindungen weiter verfolgte, Nico Klopp, den die stupiden anonymen Angriffe in der Presse verbitterten, mußten Unterstützung erhalten. So führte Cito Jean-Joseph Thiry, einen begabten Industriezeichner und Amateurmaler, in die Gruppe ein. Bei ihrer zweiten Manifestation im Sommer 1929 fehlten drei Mitglieder, aber drei andere besetzten ihre Plätze. Cito freute es besonders, daß Michel Haagen vom Limpertsberg, dessen Zeichnungen häufig die Seiten der Cahiers Luxembourgeois zierten, jetzt zu ihrer Gilde zählte. Er hatte Misch schätzen gelernt, als Jean Curots gediegenes Geländer zur Umfassung der Gélle Fra in Haagens Atelier ausgeführt wurde. Nico Klopp starb unerwartet am 29. Dezember 1930 in der Klinik St.-François am Fischmarkt. Eine einfache Erkältung sollte sich als tuberkulöse Hirnhautentzündung herausstellen. Claus fuhr noch in der Nacht zur Klinik, wo Emile Goedgen, der neue Gehilfe, die Totenmaske des unglücklichen Malers abnahm. Er selbst war zutiefst erschüttert und unfähig, dem Freund diesen letzten Dienst zu erweisen. Cito schuf die Maske aus schönstem fehlerfreien Carrara- Marmor. Rosemarie Hassanein-Klopp sollte diese Erinnerung an den Vater mit nach Kairo nehmen. Nach des Freundes Tod, der auch die Sezes-sion beendete, zog Claus Cito sich aus dem Ausstellungsgeschäft zurück. Er war der einzige der einst so begeisterten Gruppe, der nie mehr im Cercle Artistique de Luxembourg ausstellte. Öffentliche Arbeiten Im Wettbewerb für das Monument Michel Rodange am Knuedler, zehn Jahre nach dem der Gëlle Fra, wurden Citas Pläne mit dem 2. und 3. Preis bedacht. Für Jean Curots prämiertes Projekt schuf J.-Théodore Mergen, ein anderer Limpertsberger, das bronzene Bildnis des Dichters. Mergen hatte sich im Concours um das Monument du Souvenir als Dritter klassifiziert. Für die Brüsseler Weltausstellung von 1935 schuf der Bildhauer ein neues Porträt von Großherzogin Charlotte. Da Generalkonsul 25imedia imedia 26 Nicolas Cito der persönliche Eigentümer des großen bronzenen Medaillons war, bewahrte er es durch diese kluge Taktik vor dem Schicksal der Marmorbüsten, die nach den Ausstellungen nie mehr auftauchten. Auch ließ er dieses schöne Bildnis gleich in mehreren Exemplaren von der Brüsseler Gießerei ausführen. Als der Meister mit der Gestaltung von vier Landesheiligen für die Krypta der Kathedrale beauftragt wurde, konnte er mit Zuversicht diesen wichtigen Arbeiten entgegensehen, denn er verfügte über einen außergewöhnlichen Mitarbeiterstab: ? Emile Goedgen aus Bascharage, der während der Sezession bei ihm eintrat, hatte zwei Jahre bei Professur Bouchet an der Académie de Paris und weitere zwei Jahre in München studiert. ? Aloyse Weins arbeitete seit 1932 bei ihm; er besaß sein Gesellendiplom, war ein vortreffli- cher Holzschnitzer und erstrebte nun das Meisterdiplom in der Bildhauerei. ? Jetzt, im Jahre 1935, hatte Aurelio Sabba-tini sich der Gruppe angeschlossen. Der junge wißbegierige Mann trug ein neues Diplom der Académie des Beaux-Arts de Nancy in der Tasche. Als neues Mitglied des Cercle Artistique war Sabbatini an der Sezessionsperiode interes-siert, die nur wenige Jahre zurücklag. Dank seiner Aufmerksamkeit, seines hervorragenden Gedächtnisses und seiner herzlichen Bezie-hungen zu Claus Cito hat Sabbatini der Nachwelt viel Interessantes über den Bascharager Bild- hauer überliefern können. Während im Atelier am Auftrag für den Mariendom gearbeitet wurde, fand im August 1936 in Differdingen die Enthüllung eines Denk- mals zu Ehren von Emile Mark statt. Für das neue Stadthaus in Esch-Alzette entwarf Claus Cito eine Reihe von Bildern, die vom Einsatz und dem steten Fortschritt der Wissenschaft in der Industrie erzählen. Das Rathaus von Petingen wurde im Mai 1938 feierlich eröffnet. Citos lange Friesen über dem Hauptportal, die durch die fast lebensgroße Statue eines Arbeiters gekrönt werden, erzählen von der harten Arbeit in den Eisenbahnwerk- stätten, denen die Ortschaft vieles zu verdanken hat. Die Einweihung der vergrößerten Schule und des ?Cito-Brunnen" in ihrem Hof brachte Bascharage im Juni 1938 eine Doppelfeier, der Prinz Felix und Konsul Cito beiwohnten. Genau vierzig Jahre vorher leitete letzterer, der einst die Schulbank im kleinen alten Gebäude gedrückt hatte, den Bau der ersten Eisenbahn in Belgisch- Kongo. Mit Hilfe des Cercle Colonial de Luxem-bourg stiftete die Gemeinde ihrem langjährigen Wohltäter den Brunnen, den Josy Cito nebst dem bronzenen Bildnis des berühmten Vetters schuf, Emile-Mark- Denkmal (1936) in Differdingen so daß das Werk seinem Namen doppelt gerecht wurde. Während die Künstlerschaft Luxemburgs emsig und wohlgemut daheim den Vorberei-tungen zur World's Fair 1939 in New York nach-ging, ballten sich dunkle Wolken über Europas politischem Himmel zusammen. Unter den Kunstwerken, die den Weg nie mehr zurück- finden sollten, befanden sich fünf symbolische gußeiserne Statuen von über vier Metern Höhe. Die Industrie von Cito und der Ackerbau von Lucien Wercollier kamen aus der Gießerei Wies in Eich. Der Weinbau des Remichers Jungblut, der Gugarbeiter von Kratzenberg und die Stadt Luxemburg von Trémont stammten aus dem Duchscherbetrieb von Wecker. Der Krieg und seine Folgen Nach der gewaltsamen Entfernung der Gëlle Fra im Oktober 1940 wurde der Bildhauer einstweilen zwar nicht belästigt, aber er wurde arbeitslos. Im Sommer 1941 geriet er unverse- hens in die Wirrnisse der Besatzungsfolgen, als man eines Nachts ein Attentat auf den Sitz der Niederkerschener VdB verübte. Dieser befand sich in der Nähe des Cafés, wo angesehene und als deutschfeindlich bekannte Bürger ihren Stammtisch pflegten. Die Geiseln wurden zum Verhör in die berüchtigte Villa Pauly gebracht. Da man einsah, daß sie nicht in die Tat verwickelt waren, wurden sie freigelassen und je nach ihrem persönlichen Vermögen zu einer Geldbuße verurteilt. Nachdem einige Luxemburger Freiwillige in Rußland gefallen waren, erinnerte man sich an den Urheber der einstigen ?Siegesgöttin", oder ?Güldenen Lüge". Als die Uniformierten ihm im Atelier ihre Pläne unterbreiteten, erkannte der Bildhauer blitzschnell die Gefahr, in der er sich befand. ? ?Wäre es angebracht", so fragte er, ?gleich zu Beginn eines Feldzuges den ersten Gefallenen ein Ehrenmal zu errichten? Würde das Volk daraus nicht auf viel größere Verluste schließen? Da diese Art Denkmäler nur den Heldentod verherrlichten, könnte dieses nicht den Zufluß anderer Freiwilliger hemmen, die wohl alle mit einer glücklichen Heimkehr rech-neten?" ? Daraufhin war man gewillt zu warten, schließlich eilte es ja nicht! Nach der Befreiung, nach der Heimkehr der Verschleppten, kam die traurige Zeit der Toten- gedenkstätten. Für Petingen schuf Cito bereits 1946 das amerikanische Denkmal: ?To the first American Soldier fallen for the Liberation of our Country". Das Gruppenbild am Rande des Differ- dinger Hondsbësch hätte er ganz anders gestaltet, wäre die überbesetzte Denkmalkom- mission ihm nicht andauernd in die Quere gekommen. Es sollte von der ungewöhnlichen Solidarität der Differdinger berichten, die in dem nahen stillgelegten Bergwerk unter den schwie-rigsten Umständen mehr als 120 junge Menschen in den sechs letzten Kriegsmonaten versteckten, verpflegten und viele davon über die Grenze brachten. Zwölf Jahre später sollte das Monument de la Grève in Differdingeneingeweiht werden, ein Werk von Architekt René Fournelle, zu dem man die drei Hochreliefs in Bascharage entwarf und ausführte. Emile Goedgen hatte gleich nach der Befreiung zurückgefunden. Aloyse Weins, der sein Meisterdiplom erhielt, machte sich selb- ständig. Aurelio Sabbatini besaß sein eigenes Atelier, war aber stets zur Stelle, wenn man ihn dringend in Bascharage brauchte. So schufen sie u. a. die überlebensgroße trauernde Frauenfigur für Rodange und das ergreifende Relief für die Toten von Hautcharage. ? Die still trauernden Frauen, die sich am Bascharager Denkmal in zwei harmonischen Gruppen um den Gekreuzigten bemühen, deuten auf ein tiefes Empfinden des Künstlers hin. Überall im Großherzogtum errichtete man Gedächtnisstätten für die Opfer des Krieges, nur in der Hauptstadt regte sich nichts. Hinter den Kulissen aber fand ein zähes Tauziehen um die Instandsetzung des Monument du Souvenir statt. Der Bildhauer hörte davon und begriff nicht, daß man sein preisgekröntes Werk, das zudem unter einzigartigen Umständen niederge-rissen wurde, aus dem Stadtbild verbannen wollte. Kummer und Sorgen Claus Cito, mit Jos Sünnen (Bascharage 1958) Die frühere Schaffensfreude hatte ihn verlassen. Oft nahm er Zeichenstift und Meißel nur widerstrebend zur Hand, um sie nach kurzer Zeit wieder wegzulegen und in den Garten zu gehen. Bei seinen Blumen wurde Josy wohler, und draußen konnte er besser mit den Nachbarn reden. Trübsal und Arbeitsunlust waren mit dem Schicksal der Gëlle Fra verbunden, die zwar für kurze Zeit wieder aufgetaucht, dann aber endgültig verschwunden war. Ihm bangte auch vor der Zukunft; trotz Alter und Mißmut mußte er weiter arbeiten, um leben zu können. Die vielen bedeutenden Aufträge hatten keinen Wohlstand gebracht, und als selbständig Schaf- fender besaß er keine Rente. Claus Cito hatte nie geheiratet. Nach dem Tode der Mutter, im Herbst 1933, begab er sich zum täglichen Mittagessen zur Familie Kill, wo seine Freundschaft mit Thérèse begann. Er zählte einundfünfzig Jahre, sie war siebenunddreißig. Konnte er seine Arbeit nicht unterbrechen, brachte sie ihm still und freundlich das Essen. Sie war an allem interessiert, besonders an den Büchern, und weilte oft stundenlang im Atelier, um bei den Arbeiten zuzusehen. Josy entzweite sich mit seiner herzensguten Schwester und anderen früheren Kameraden. Thérèse starb nach schwerer Krankheit im Sommer 1957. In seiner Bedrängnis wandte der greise Künstler sich an die verwitwete Schwester von Thérèse. Er verschrieb ihr sein Haus mit Atelier und allem, was sich darin befand, und sie zog zu ihm, um ihm den Haushalt zu führen. Die gewohnten Gartenarbeiten und die gute Nach-barschaft unterhielten seine bescheidene Lebensfreude. Bei schlechtem Wetter oder im Winter saß Josy im Atelier und lebte in der Vergangenheit. Fey Frères Gute Freunde Mit Jos Sünnen, dem langjährigen Freund, redete er viel über Differdingen, wo die beiden bereits 1928, während der Sezession, und wiederum 1945 interessanten Arbeiten nach-gingen. Der Kunstmaler weilte für mehrere Wochen in der Minettestadt, als Cito sich dort wegen des Hondsbësch-Denkmals aufhielt. Sie trafen sich regelmäßig im gastlichen Heim von Elise und Roger Birgé-Becker, wo der Bascha-rager die denkwürdigen Einzelheiten über den Alltag der in der früheren Erzgrube Unterge-tauchten erfuhr. Als der Bildhauer außer dem Amerikani-schen Denkmal noch andere Arbeiten nach Petingen lieferte, erneuerte er seine frühere Bekanntschaft mit Lehrer René Collette. Der geschätzte Pädagoge war ein hervorragender Zeichner und Techniker und würde später dem alten Meister bei seinen letzten Projekten, besonders bei den Marmortafeln des Bascha-rager Kreuzwegs, mit Rat und Tat beistehen. Als Cito nicht mehr arbeiten konnte, fand sich René Collette regelmäßig bei ihm ein. Sie ordneten Skizzen und Zeichnungen und durchstöberten immer wieder die umfangreiche Bibliothek, in der sich, unter anderen Relikten, ?Der blaue Reiter" im Originalalmanach befand. Ein anderer Freund betreute ihn an seinem sorgenvollen Lebensabend. J.-P. Belche, den der Bildhauer als jungen Kaplan 1938 in Petingen kennenlernte, war 1950 nach Münster in West-falen übergesiedelt, um dort weiterzustudieren. Als Abbé Belche nach seinem Studium zum Re li-gionslehrer an einer Sekundarschule promo- vierte, sollte Claus, wie früher, mit ihm über Kunst, Philosophie und Politik diskutieren. Der vielbeschäftigte Sabbatini aus Esch blieb zusammen mit seiner Tochter Bettina ein stets willkommener Gast. Charel Kohls Bildhau- erkarriere hatte in Citos Atelier begonnen; als Bub knetete er dort seine ersten Tongebilde. Elisabeth Erdmann-Macke besuchte Claus um die Mitte der fünfziger Jahre in Bascharage. Er war ihr zum ersten Mal im Mai 1906 begegnet, als die Achtzehnjährige nach Ober- kassel kam, wo er und August Wohnung und Atelier teilten. Nach Mackes Tod im September 1914 hatte sie ein Verzeichnis seiner Bilder und Aquarelle angefangen, um der Nachwelt das Vermächtnis ihres Vaters zu erhalten. Lothar Erdmann, ihr späterer Mann, führte diese Arbeit weiter. Lothar Erdmann wurde am 1. September 1939 verhaftet und starb drei Wochen später, durch die Folterungen der SS, im Konzentra- tionslager Sachsenhausen. ? Gar zu gern hätte Elisabeth Erdmann-Macke nun den Porträtkopf von August gehabt, den Claus im Sommer 1908 bei des Freundes Besuch in Bascharage model- lierte und der ihm sehr ähnlich wurde. Anschei-nend hatte er das Werk vor Jahren verschenkt, und alle Bemühungen, dessen Verbleib zu eruieren, waren ergebnislos geblieben. Mit körperlichen und seelisch bedingten Beschwerden wurde Claus Cito schließlich im Petinger Pflegeheim aufgenommen, wo er bald darauf, am 5. Oktober 1965, starb. Die Tages-zeitungen widmeten ihm seitenlange Nachrufe, dann wurde es still um den Bascharager Künstler. Bei der Neuinthronisierung der Gëlle Fra, am 23. Juni 1985, wurde zwar sein Name erwähnt, doch wer weiß heute noch, wem dieses umstrittene Monument eigentlich zu verdanken ist? Die Nachforschungen, die 1986 auf Wunsch der Direktion des Kunst- und Kulturge- schichtlichen Museums von Münster/Westfalen, ein Jahr vor dem 100. Geburtstag von August Macke, in Luxemburg begannen, sollten den außergewöhnlichen Lebensweg des Bildhauers Claus Cito neu entdecken. Dank seiner einstigen Freundschaft mit dem heute weltberühmten Maler August Macke konnte so sein Leben und Wirken der Nachwelt erhalten bleiben. Lotty Braun-Breck ? Claus Citos Porträt von August Macke 1908, verschollen Dieser Beitrag basiert auf dem 1995 erschienenen Buch Claus Cito (1882-1965) und seine Zeit von Lotty Braun-Breck; Imprimerie St. Paul; 165 Seiten, über 200 Fotos und Dokumente. Im Buchhandel erhältlich. 27


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